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Interview

„Wir haben ein funktionierendes Geschäftsmodell geschaffen“ – Interview mit Floy-Gründer Benedikt Schneider

Das Start-up Floy entwickelt KI-gestützte Softwarelösungen, mit deren Hilfe Auffälligkeiten in MRT- und CT-Bildern erkannt werden können, darunter Knochentumore oder Hirnaneurysmen – wenn der Patient dies beauftragt. Wir sprachen mit Gründer Benedikt Schneider unter anderem über das Geschäftsmodell.

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Nürnberg, Deutschland

Herr Schneider, Sie haben Floy gegründet, nachdem Sie eine persönliche Erfahrung beim Arzt gemacht haben. Was genau hat Sie damals dazu bewogen, sich intensiv mit dem Einsatz von KI in der Radiologie zu beschäftigen?


Benedikt Schneider: Meine Erfahrung mit einer verspäteten Diagnose war der Auslöser, mich mit den Herausforderungen der Radiologie zu beschäftigen. Ich hatte einen Meniskusriss, der zu spät erkannt wurde, und habe meinen Radiologen damals gefragt, warum er keine KI nutzt. Das war 2019, und mir wurde schnell klar, dass Radiologen mit enormen Datenmengen arbeiten, aber viele Möglichkeiten ungenutzt bleiben. Ich fing an, mich tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen und entwickelte gemeinsam mit einem Studienkollegen einen ersten Prototyp.


Ihr Produkt ist zugelassen und schon in 250 Arztpraxen im Einsatz. Warum sind sie hier weiter als manch anderer KI-Anbieter in der Radiologie? 


Benedikt Schneider: Besonders in Amerika, aber auch in Israel und Asien wurden schon vor Jahren Radiologie-KI-Unternehmen gegründet, da war ich noch in der Grundschule. Aber keines von Ihnen hat es wirklich geschafft, sein Angebot im Markt durchzusetzen, und das hatte hauptsächlich den Monetarisierungsgrund. Viele Unternehmen haben darauf gesetzt, dass die Krankenkassen irgendwann KI-gestützte Diagnosen erstatten – aber das ist nicht passiert. Zudem haben sie versucht, Radiologen eine Effizienzsteigerung zu verkaufen, die sich wirtschaftlich kaum rechnet. Wir haben den Ansatz umgedreht: Unsere KI bietet dem Patienten eine Zusatzleistung an, für die er selbst zahlt – und der Radiologe hat dadurch einen monetären Benefit. Damit haben wir ein Geschäftsmodell geschaffen, das unabhängig von politischen und regulatorischen Entwicklungen funktioniert.


Welche Hürden mussten Sie überwinden, um KI-Technologie in einen traditionell eher konservativen Bereich wie die Radiologie zu integrieren?


Benedikt Schneider: Der größte Knackpunkt war, dass manche Radiologen KI noch vor wenigen Jahren als Science-Fiction angesehen haben. Wir mussten erst einmal die technischen Vorteile zeigen und dann klar machen, dass unser Modell sich wirtschaftlich lohnt. Gleichzeitig haben wir früh eng mit Radiologen zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass unsere Lösungen nahtlos in den Praxisalltag integriert werden können. Heute sehen wir, dass die Akzeptanz für KI in der Radiologie deutlich gestiegen ist.


Ein entscheidender Faktor für den Erfolg von KI in der Diagnostik ist die Datenbasis, auf der sie trainiert wird. Wie stellt Floy sicher, dass seine KI-Modelle auf qualitativ hochwertigen und repräsentativen Daten basieren?


Benedikt Schneider: Unsere Modelle werden mit Daten aus Radiologiepraxen trainiert, die genau die Patientenkollektive abbilden, die unsere KI später in der Praxis unterstützen. Wir arbeiten eng mit unseren Partnern zusammen, damit die Trainingsdaten repräsentativ und medizinisch valide sind. Zudem haben wir Kooperationen mit Forschungseinrichtungen wie dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), um die Qualität unserer KI weiter zu verbessern. Jeder Datensatz wird sorgfältig geprüft und von Radiologen annotiert, um höchste Genauigkeit zu gewährleisten.

Durch den Einsatz von KI verändert sich die Tätigkeit des Radiologen. © Envato

Durch den Einsatz von KI verändert sich die Tätigkeit des Radiologen. © Envato

Der Markt für KI in der Radiologie wächst, aber es gibt noch Herausforderungen – von regulatorischen Hürden bis zur Akzeptanz. Wo sehen Sie aktuell die größten Hindernisse für den breiten Einsatz von KI in der Bildgebung?

Benedikt Schneider: Ein großes Hindernis ist die Zertifizierung von KI-Produkten, da die regulatorischen Anforderungen sehr hoch sind. Wir haben das von Anfang an ernst genommen und bereits in einer frühen Phase Experten eingebunden, um den Prozess effizient zu gestalten. Viele Unternehmen scheitern daran, weil sie erst nach der Produktentwicklung an die Zulassung denken – dabei muss die Dokumentation von Anfang an mitlaufen. Auch die Erstattung durch Krankenkassen bleibt eine Hürde, weshalb wir bewusst einen anderen Weg gewählt haben.


Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach die Rolle von Radiologen in den nächsten zehn Jahren verändern? Wird KI die Diagnostik nur ergänzen – oder sehen Sie langfristig sogar eine Teilautomatisierung bestimmter Prozesse?


Benedikt Schneider: In den nächsten zehn Jahren wird KI Radiologen in ihrer Arbeit unterstützen, aber nicht ersetzen. Radiologie ist ein komplexes Feld, in dem es nicht nur darum geht, Muster zu erkennen, sondern auch klinische Entscheidungen zu treffen. KI kann helfen, bestimmte Auffälligkeiten zu markieren und strukturierte Zusatzinformationen zu liefern, aber die finale Beurteilung wird weiterhin beim Menschen liegen. Langfristig könnte sich der Beruf des Radiologen weiterentwickeln, hin zu einer Rolle, in der sie verstärkt die KI-gestützten Ergebnisse interpretieren und in den klinischen Kontext setzen.


Aktuell nutzt Floy pixelbasierte KI, aber es gibt Ansätze, multimodale Systeme zu entwickeln, die Bildanalysen mit anderen Datenquellen kombinieren. Welche technologischen Trends halten Sie für besonders vielversprechend?


Benedikt Schneider: Ein vielversprechender Trend sind sogenannte Vision-Language-Modelle, die Bilddaten mit Textinterpretation kombinieren. Solche Modelle könnten in Zukunft ganze Befunde generieren, indem sie das Bild mit Patientendaten und anderen Informationen verknüpfen. Wir arbeiten bereits mit Partnern wie dem DKFZ an solchen Konzepten, aber aktuell ist das noch ein exploratives Feld. Für die kommenden Jahre wird sich die Weiterentwicklung unserer KI-Modelle auf die Ausweitung der erkennbaren Indikationen konzentrieren.


Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person
Benedikt Schneider entwickelte die Idee zu Floy während seines Studiums der International Business Administration an der Otto Beisheim School of Management (WHU) und gründete nach seinem Bachelor-Abschluss 2021 das Unternehmen. Die zertifizierten Softwarelösungen FloyBrain, FloySpine und FloyMammo unterstützen Radiologen bei der Erkennung komplexer und schwer zu identifizierender Krankheiten. Floy zählt Investoren wie HV Capital und Accurio Ventures zu seinen Unterstützern. 

Ihre Kontaktperson

Benedikt Schneider

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Gründer und CEO
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